Weihnachten. Mal wieder.

Weihnachten, mal wieder.

Unter Bergen von Geschenken, Strömen von Glühwein und Armeen von Plastik-Engeln findet man manchmal hier und da Spuren der alten und ziemlich verrückten Geschichte, die davon erzählt, dass du, Gott, Mensch geworden bist.

Ich vermute ja, du bist in Wirklich schon immer sehr menschlich gewesen.

Immerhin schreiben wir dir seit Urzeiten so ziemlich alle Eigenschaften zu, die wir an uns selbst bewundern, verabscheuen oder herbei sehnen. Dann multiplizieren wir sie mit Unendlichkeit und addieren die Unsterblichkeit dazu - fertig.

 

Wir erfinden dich immer wieder neu, geben dir große Namen und Hoheitstitel, die wir eines Tages selbst nicht mehr verstehen.

Friedefürst zum Beispiel, oder Pantokrator. Das klingt wie eine Metalband, oder vielleicht wie eine Krankheit.

Wir sollen uns kein Bild von dir machen, und malen dich doch seit Jahrhunderten in den grellsten Farben unserer Fantasie.

Allmächtig wollten wir dich haben, aber so recht dran glauben konnten wir nie. An deinem Weltretter-Score solltest du unbedingt noch arbeiten.

Du warst schon mehrmals kurz davor uns platt zu machen, weil wir es einfach nicht hinkriegen mit dem friedlichen Leben. Verständlich, dass dir dann der Geduldsfaden reißt. Das mit dem Regenbogen und der Taube war aber ein feiner Zug von dir.

 

Aber Du gibst nicht auf. Du schickst immer wieder jemanden los, der den Finger in die Wunden legt und das Pflaster von unserer Dummheit abreißt, damit Luft dran kommt und etwas heil werden kann. Die Prophetinnen und Propheten, die du ausgesandt hast, waren immer schon schlimme Nervensägen, weil sie einfach so verflixt gut darin sind, uns auf die riesigen Balken in unseren Augen hinzuweisen - mal mehr, mal weniger freundlich. Eines Tages vor rund zweitausend Jahren, da hast du entschieden: Jetzt reicht es mir, ich gehe selbst los.

Hast dich als winziges Baby in einen Futtertrog gelegt, bist nicht davor zurück geschreckt, dich unseren unzuverlässigen Menschenhänden anzuvertrauen.*

Das ganze ist nicht gut für dich ausgegangen, weißt du ja.

 

Wie oft wir dich nun schon kaputt gemacht haben, dich dekonstruiert oder demontiert haben: Du bist einfach nicht tot zu kriegen, egal wie ausgelassen wir auf deinen Gräbern tanzen.

Auf den Grabsteinen, die wir - aufgeklärt und siegessicher - errichtet haben, steht in goldenen Lettern "Es lebe die Vernunft" oder "Gott ist tot".

Doch während wir feiern, dass wir dich nicht mehr brauchen, hast du dich längst wieder unters Volk gemischt, kommst einfach immer wieder zur Welt. Nimmst hier und dort eine Last von den Schultern, lässt ein Wunder geschehen oder auch zwei, legst eine Haselnuss auf einen deiner Grabsteine. Freut sich vielleicht eines der schusseligen Eichhörnchen drüber, denkst du, und gehst deiner Wege.

Für uns hast du noch ein Stück Brot dagelassen und einen Schluck Wein.

 

Danke, und frohe Weihnachten.

 

*Mir ist bewußt: Für viele Menschen ist die Weihnachtserzählung eine tiefe Glaubenswahrheit. Für mich ist sie eine der kreativsten Ideen über Gott, und gleichzeitig vielleicht die ultimative Entzauberung: Menschlicher als ein Mensch kann Gott nicht mehr werden, Sterben inklusive. 

Ein sehr ehrliches Gottesbild, finde ich.

 

Ich wünsche allen ein frohes, hoffnungsvolles, glitzerndes und zauberhaftes Weihnachtsfest  - ganz besonders in diesem Jahr.

 

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