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Mutausbruch

Als im Sommer 2018 diese Webseite an den Start ging, pflanzte ich auf der Titelseite ein kleines Pflänzchen. Gut geschützt unter der Glasglocke, durfte es erst einmal eine ganze Weile ungestört vor sich hin wachsen - genauso wie meine Versuche, in der (katholischen) Kirche meinen Platz zu finden.

Ich saß lange in den hinteren Bankreihen, mit Fluchtoption. Nicht immer hielt ich es bis zum Ende der Messe aus.

Das ist auch heute noch manchmal so, allerdings kann ich momentan, im Corona-bedingt digitalen Kirchenalltag, einfach auf Stop drücken, wenn ich eine Predigt uninspiriert, sprachlich unsensibel oder theologisch fragwürdig finde.

Manche Worte fallen so sehr aus der Zeit, dass ich vor ihnen davon laufen will.

Andere wiederum halten mich in der Bank und bringen mich auf die Knie. Oder, etwas weniger körperbetont, auf den Boden der Tatsachen - sie klären, helfen, richten wieder auf.

Manchmal bekomme ich genau die richtige Nahrung für Herz und Kopf, die ich brauche - aber oft genug sitze ich auch auf dem Trockenen. Wundere mich und überlege: Wo ist sie nur geblieben, die frohe Botschaft?

 

Je tiefer ich in mein Fernstudium* - und damit zumindest in die Grundlagen katholischer Theologie - eintauche, je bizarrer, fragwürdiger und unglaubwürdiger erscheint mir vieles von dem, was praktisch passiert (oder auch nicht passiert).

Je mehr ich darüber lerne, wie wandelbar und uneinig die Kirche schon seit ihren frühesten Gründerzeiten ist, wie wenig gesichertes Wissen über viele vermeintlich feste Glaubenssätze besteht, und wie vieles davon auf harte politische und innerkirchliche Verhandlungen zurück geht (statt auf den vielbeschworenen "Heiligen Geist") - je schwerer fällt es mir, etliches von dem ernst zu nehmen, was in manchen Kreisen als unveränderliche und unbedingt zu bewahrende Wahrheit hochgehalten wird.

Das alles ist natürlich nicht neu, und ich wusste vorher, auf was ich mich einlasse.

 

Aber jetzt, wo ich tiefer eingetaucht bin, Freundschaften geschlossen und Schätze gehoben habe, klingen die rückwärts gewandten Stimmen immer schriller und hässlicher in meinen Ohren.

Sie sind nicht mehr einfach nur irgendwie da und ein Ärgernis - sie treffen und betreffen jetzt Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. 

Das ist inakzeptabel und macht mich unglaublich wütend. 

Es macht mich so wütend, dass ich wegrennen will - so wie viele andere auch.

 

Aber stattdessen passiert aktuell etwas ganz anderes: Dem erneuten "Nein" aus Rom zu Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare folgt kein resigniertes Seufzen mehr, sondern eine Welle der Wut, die sich zusehends in Mut verwandelt. Vielleicht hat es diese laute "Nein" letztlich gebraucht, um die Herde letztlich doch noch auf die Beine zu bringen? 

Denn: Priester, Ordensleute, Mitarbeitende der Kirche stehen auf und sagen JA zur Liebe und zum Segen für alle Menschen, die ihn sich wünschen.

 

Und ich? Ich habe inzwischen beten gelernt.

Also werde ich genau das jetzt tun: Beten. Für noch viel mehr guten Ungehorsam, damit dieser Mutausbruch nicht zu schnell verpufft, sondern weiter trägt und noch viele mehr ansteckt.

Und weil beten allein nicht ausreicht, sitze ich jetzt hier und tippe in diesen Blog, um von dieser frohen Aufbruchs-Botschaft zu erzählen.

 

Amen.

 

 

20. März Nachtrag: Es macht mich unheimlich froh zu erleben, dass sich immer mehr Widerstand regt.

Hier eine kleine Auswahl - to be continued.

 

Protest gegen Vatikan-Nein zu Homosexuellensegnung

Starke Worte von Bischof Overbeck Bistum Essen

Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Katholische Dogmatik und Fundamentaltheologie

Zusammenfassung weltkirchlicher Positionen zur vatikanischen Note - selbstverständlich gibt es nach wie vor Zustimmung innerhalb der Kirche zu veralteten und diskriminierenden Positionen des Lehramts, und damit auch zur Vatikanischen Verlautbarung.

Stellungnahmen des Bistums Limburg

Stellungnahme des Synodalforums "Leben in gelingenden Beziehungen"

Interview mit Jens Ehebrecht-Zumsande Grundlagenreferat Kirche in Beziehungen, Erzbistum Hamburg

Gemeinschaft der Pallottiner hisst Regenbogenflagge und nennt "Nein" zu Segensfeiern unerträglich

 

 

*Theologie im Fernkurs

 

 

13. Mai (Himmelfahrt) Nachtrag:

Und es geht weiter!

Rund um den 10. Mai fanden in über hundert (!!!) Gemeinden Segnungsgottesdienste unter dem Motto/Hashtag #liebegewinnt statt.

Gemeinden hissten Regenbogenflaggen und luden vor Ort oder digital zu Segnungsfeiern ein.

Hier der Livestream des Segungsgottesdienstes aus Hamm zum Nachschauen.

In diesem Video erfährt man etwas über die Initiativen, Wünsche und Forderungen.

 

Leider (und leider auch erwartbar) stoßen die Segnungsfeiern und das, was sie zentral ausdrücken - nämlich die volle Akzeptanz und Wertschätzung von Partnerschaften und Ehen, die nicht der lehramtlich-katholischen Position entsprechen - nicht überall auf Verständnis. Aber: Auch dann wird sich nicht mehr weg geduckt, sondern weiter gemacht.

Denn: Liebe gewinnt! Ein Beispiel aus Duisburg.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Anne (Donnerstag, 18 März 2021 14:51)

    Danke wieder einmal für Deine Sichtweise und Worte!

  • #2

    Roswitha (Mittwoch, 12 Mai 2021 11:31)

    Sehr interessanter Beitrag, Danke