Hallo Maria...sei gegrüßt!

 

 

Zur katholischen Tradition gehört der Rosenkranz.

Er polarisiert, auch das typisch katholisch.

"Nicht so meins" und "alter Hut" steht gegen fromme Bollwerke und päpstliche Rosenkranz-Gebetsaufrufe zu allen möglichen Anlässen. Jedoch, wie so oft: Es gibt, wie immer, Zwischentöne, und ein paar davon sollen hier anklingen.

 

Zunächst eine kurze Reise in meine Vergangenheit:

Ich bin ungefähr zwölf Jahre alt und besuche übers Wochenende eine Schulfreundin. Sie ist katholisch, die ganze Familie geht sonntags in die Messe. 

Ich werde einfach mitgeschleppt. Verstehe nicht wirklich, was vor sich geht, das ganze Auf und Ab, das Knien und Klingeln mit Glöckchen, die eigenartigen Worte und Rufe. Weihrauch. Eine fremde Welt. 

Aus der evangelischen Kirche kenne ich zwar das Abendmahl, aber hier ist alles ganz anders.  

 

Meist sitzen vor Beginn der Messe in einem Seitenschiff einige ältere Frauen, manche davon mit Kopftüchern, sie murmeln leise vor sich hin und halten dünne Perlenschnüre in den Händen. 

„Die beten den Rosenkranz, das sind die ganz frommen, so richtig doll Gläubige“ erklärt mir meine Freundin, und dann tuscheln wir weiter über Jungs in der Schulklasse oder andere wichtige Dinge.

 

Mein weiteres Leben fand, abgesehen von der Konfirmation, sehr weit weg von Kirchen aller Art statt.

Eines Tages bin ich dann aus der Kirche ausgetreten, es gab einfach keine tiefere Verbindung.

Gelegentlich gab es eine Einladung zur Hochzeit, oder es wurde jemand beerdigt. Und ich mochte (und liebe sie immer noch) Kirchenmusik. Am liebsten gregorianische Choräle, ganz schlicht gesungen.

Im Urlaub, in Italien oder Spanien, besichtigte ich manchmal Kirchen. Einfach weil ich sie schön fand, und weil es drinnen ruhig und kühl war.

Und immer wieder sah ich sie, die Rosenkranzfrauen. Kleine Gruppen, wie schwarze Krähen auf der Stromleitung, manchmal wiegten sie sich leise im Rhythmus der Worte. Hin und wieder erklangen kurze Gesänge zwischen den Gebetsworten, fremd und schön zugleich. 

 

Gegenwart.

Kirche, inzwischen die katholische, und Religion sind auf vielen Umwegen wieder bei mir angekommen - oder anders herum? 

Ich bin durch die Ritzen geschlüpft, die viele unzufriedene und aufmüpfige Menschen über die Jahrzehnte in die versteinerten Wände geklopft haben. Suche mir meinen Platz, meine Nische.

Die "Rosenkranzfrauen" sind immer noch da.

Auch hier im Norden, wo katholische Traditionen in sehr überschaubarem Rahmen existieren.

Ich stolperte vor einigen Jahren mehr oder weniger zufällig in solch eine Zusammenkunft hier in der Kirche.

Um die Gruppe herum saßen, in größeren Abständen, vereinzelt Männer und Frauen, die einfach zuhörten oder leise mitbeteten.

Ich suchte mir einen Platz ganz hinten im Kirchenschiff. Sicherheitsabstand sozusagen, mit offenem Fluchtweg. 

 

Ich lief nicht weg, ich blieb. 

Schloss die Augen. 

Lauschte in das Gemurmel hinein, versuchte zu verstehen, was überhaupt gesagt wurde:

Blut schwitzen. 

Kreuz tragen. 

Sterben. 

Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder. 

Heiligemariamuttergottesbittefürunssünderjetztundinderstundeunserestodesamen...immer und immer wieder.

 

Stunde des Todes. 

Bääämmmm. 

Da waren sie wieder, die dicken Bretter. Die schweren Worte.

Blood, sweat and tears. Sünde. Die Katholiken wieder mit ihrer Leidensverherrlichung. 

Mir wurde eng in der Brust, ich wollte raus.

.

Und blieb doch sitzen. Erlaubte mir, getroffen und betroffen zu sein und dem Gefühl Platz zu machen, dass ich so lange verdrängt hatte:

Schmerz, Verlust und Trauer. 

Ich war nicht mehr zwölf und leichtherzig. Ich war Mitte vierzig und hatte erlebt, wie ein gefräßiger Krebs sich meinen Vater einverleibt hatte. 

Ich wusste jetzt, was man unter „Kreuz tragen“ verstehen kann.

Oder der Todesstunde, und dass man in dieser vielleicht Beistand braucht, ob von Maria, wenn man denn daran glauben kann, dem kleinen Bruder, der besten Freundin oder dem Palliativpfleger. 

Ich wusste jetzt mehr von Blut und Schmerzen, von Endgültigkeit und Abschied und konnte, wollte nicht mehr weglaufen. 

Ich saß in der Bank, hielt aus und wusste: Viele, die hier sitzen, tragen solche oder ähnliche Erfahrungen in ihren Herzen. Oder Angst davor.  

Und die alten Texte, sie tragen da hindurch, man kann auf ihnen mit schwimmen, wenn die eigenen Worte stecken bleiben oder sich gar nicht erst finden lassen. 

Und man kann wieder aufstehen, auferstehen, neu anfangen, weitergehen.

Denn auch solche Worte gehören dazu.

Freude, Erwartung, Hoffnung: Alles da.

 

 

 

 

Mit dem Rosenkranzgebet habe ich mich über die Jahre weiter beschäftigt, und ich finde es immer noch schwer, die sog. "Gesätze" zu sprechen. Zu fremd und fern sind mir viele Worte, auch wenn ich sie inzwischen historisch einordnen kann. Auch, dass das Gebet für Siege in Kriegen vereinnahmt wurde, stößt mich ab - eine der dunklen Seite von Religion, die, weltweit gesehen, nicht wirklich Vergangenheit ist.  

Ich brauche - ergänzend (nicht ersetzend wohlgemerkt!) zu den alten Worten - einen anderen Zugang, eine andere Sprache. 

Worte, die Jesus und seine Mutter in meine ganz eigene Gegenwart holen, in mein persönliches Erleben, ins Jetzt. 

 

So geht „mein“ Rosenkranz (ein erster Versuch):

 

Gegrüßt seist Du Maria voll der Gnade,

die Ewige ist mit Dir. 

Du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist das Kind deines Leibes Jesus -

- der mit uns Blut und Wasser schwitzt 

- der mit uns das schwere Kreuz trägt 

- der mit uns in den Tod geht

- der mit uns aufersteht 

- der mit uns in ein neues Leben geht.   

Heilige Maria, unsere Schwester, bitte mit uns Sündern*,

jetzt und in der Stunde unseres Todes. 

Amen.

 

*

Warum stört mich das Wort „Sünder“ nicht (mehr)?

Das soll ein anderes Mal erzählt werden. 

  

...

 

Als Kunsthandwerkerin fasziniert mich natürlich auch der handfeste und handwerkliche Aspekt des Rosenkranzes. Es gibt ganz einfache für wenige Euro, aus Plastik, Glasperlen oder Halbedelsteinen.

Und es gibt kostbare, prunkvoll gefertigte aus Gold und Silber, die wohl eher für repräsentative Anlässe gedacht waren. Ordensleute tragen manchmal Rosenkränze an ihren Gewändern, und viele Kinder bekommen einen zur Erstkommunion geschenkt. Im Internet findet man haufenweise frommen Kitsch mit Rosenkränzen, und es gibt Online-Gebetsgruppen, die sich regelmäßig zum Rosenkranz verabreden. Nicht zu vergessen: Rosenkränze, am besten in XXL und super lang als Kette getragen, als modische Accessoires. 

Ganz up-to-date ist man heutzutage natürlich mit einer Rosenkranz-App. 

 

Inzwischen besitze ich selbst einige Rosenkränze, und ich konnte es nicht lassen, auch welche zu gestalten

Bei der Arbeit daran tauchten weitere Fragen auf: 

Was hat es überhaupt auf sich mit Maria und den Rosen?

Und überhaupt - wie findet man heute, als säkular geprägter Mensch ohne katholische Kindheit und Jugend, einen Zugang zu Maria und dem, was die Kirche über die Jahrhunderte aus ihr gemacht haben?

Es bleibt viel zu lernen.

 

...

 

 

Sehr gefreut habe ich mich über einen weiteren Text zum Rosenkranz, der auf feinschwarz.net erschien.

Auch eine, die eigene Worte gesucht und gefunden hat.

 

Meine Rosenkranz-Unikate im Onlineshop

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dr. Elfriede Schiessleder (Dienstag, 24 November 2020 18:44)

    Was für ein bewegendes Zeugnis - und ich muss immer wieder darüber lachen, wie Gott auf schrägen, abgedroschenen und ausgelatschten Bahnen mich/eine von uns/ so viele plötzlich anspricht. Allgewaltig und allgnädig, Geleit und Trost für diese manchmal so grauslige Welt!
    Danke!

  • #2

    Meike Kröger (Mittwoch, 25 November 2020 19:23)

    Vielen Dank für das schöne Feedback!