Die Tür klemmt. Nicht nur symbolisch.

Kirchentür, klemmt.

Die Kirchen haben gerade wieder ihre aktuellen Mitglieder-Statistiken veröffentlicht.

Desaster ist das Wort der Stunde.

Und alle Jahre wieder dreht sich das Fragen-Karussell.

Was kann man tun? Wie kann man die Schäfchen wieder einfangen?

Angesichts der zigtausenden Austritte aus beiden großen Kirchen spielt es natürlich eine sehr untergeordnete Rolle, wenn gefühlt eine Handvoll Menschen neu oder erneut eintreten. Wenn man davon dann noch diejenigen abzieht, die allein aus beruflichen Gründen eintreten oder weil sie "der schönen Atmosphäre" wegen kirchlich heiraten möchten, bleibt vermutlich von der Handvoll noch eine Fingerspitze übrig.

Zu dieser winzigen Gruppe gehöre ich. 

Dieser Tage jährt sich zum zweiten Mal meine Firmung, und außerhalb der Kirche werde ich bis heute recht umfänglich zu meinen Motiven befragt (manchmal regelrecht verhört), die mich zum Eintritt bewegt haben.

Ich musste also schon recht oft Rede und Antwort stehen.

Allein "die Kirche" selbst hat mich nicht gefragt.

Damit meine ich nicht die wunderbaren Menschen, mit denen ich es konkret hier vor Ort oder im Netz zu tun habe. Die haben ja meinen Weg begleitet, gehen immer noch mit und wissen, was mich bewegt hat und umtreibt.

Aber warum verschickt kein Bistum, keine Bischofskonferenz je einen Fragebogen an "die Neuen" und ist neugierig auf deren Geschichten? Nicht, weil diese ein Allheilmittel gegen die Kirchenaustritte wären. Nicht, weil "wir" die richtigen Antworten hätten.

Aber vielleicht, weil wir zu denen gehören, die noch (oder wieder) einen Hoffnungsschimmer sehen, der den langjährigen (und oft frustrierten) Treuen langsam abhanden kommt?

Vielleicht, weil man schon recht nüchtern an die Sache herangeht und vermutet, dass diese Institution so, wie sie derzeit immer noch agiert, untergehen bzw. sich so extrem zerlegen wird, bis sie entweder ganz verschwunden oder wirklich erneuert ist?

Weil man vielleicht pragmatisch vorgeht und wirklich nur das annimmt, was gut tut, hilft, aufbaut, ermutigt, begeistert - während man den ganzen schrecklichen klerikalen Unfug, die patriarchalen Seilschaften, die unseligen Verdrehungen der Schriften, die Lügen und den Muff immerhin symbolisch in die letzte Schublade in der Sakristei verbannt?

Symbolisch deshalb, weil das alles natürlich weiterhin existiert. Und weil das katholische Kirchenrecht nie im Leben so eine selektive Haltung erlauben kann. In imperativer Form wird vorgegeben, was (nämlich alles!) und wie (ohne Widerrede!) "zu glauben ist" und damit basta.

 

(Allerdings hält das Kirchenrecht für die meisten Mitglieder offenbar ein recht langes Nickerchen und wird immer erst dann wieder wach, wenn es um brenzliges wie den Arbeitsplatz beim katholischen Träger geht oder um die Frage danach, ob man neben Autos und Zaungattern (kein Witz, gerade erst geschehen!) auch die Liebe zweier Männer oder Frauen segnen darf.)

Beichtstuhl mit Ampel

Natürlich kann ich nur für mich sprechen.

Und ich weiss: Es gibt Konvertit*innen oder neu Bekehrte, die stellen mit ihrem glühenden Eifer altgediente Traditionalisten glatt in den Schatten.

Da kann ich nicht mithalten.

Dafür bin ich zu rational, zu ernüchtert und zu skeptisch.

Vielleicht konnte ich gerade deshalb in einer ernüchterten Kirche Fuß fassen.

Einer Kirche, die zumindest in Teilen Bescheidenheit gelernt hat.

In der das Wort Demut mit Inhalt gefüllt wird.

In der Menschen das Wort erheben, die viel zu lange zum Schweigen verdonnert waren.

In der Ungehorsam geübt wird.

In der Zweifel inzwischen laut ausgesprochen werden.

 

Kirche hat schon reichlich Federn gelassen und wird aktuell zurecht erneut gerupft, bis nicht mehr viel übrig ist von Glanz und Glorie.

Gerade hier im Norden ist wenig zu sehen und zu spüren vom katholischen Prunk.

Blätternder Putz und der spröde Charme der sechziger Jahre statt opulente Goldpracht - das ist hier oft State of the Art.

Und gerade jetzt, wo "Corona" noch das letzte bisschen Leben aus den alten Gemäuern gefegt hat, spürt man das Vakuum besonders deutlich.

Leere statt Lehre.

Wenn ich unsere Kirche betrete, sehe ich im Eingangsbereich die provisorisch geflickten Wände.

Kein Bild, kein Schmuck. Nur grauer Putz.

Die zugedeckten Weihwasserbehälter. Die nüchternen Holzvertäfelungen der Beichtstühle mit Ampeln dran.

Einladend ist das alles nicht.

Dazu die klemmende Tür, durch die man sich zwängen muss, wenn auch der automatische Türöffner mal wieder ausfällt.

Und doch: Ich mag sie, diese fast prunklose katholische Kirche.

Entblättert von Gold und frei von einschüchterndem Pomp zeigt sie sich, wie sie ist:

Angeschlagen und reichlich überholungsbedürftig. 

Und damit ein Raum für Möglichkeiten. Für Ideen. Für Kreativität.

Das mag manchen zu naiv sein oder zu optimistisch. Ich habe allerdings längst meine rosarote Brille abgelegt und muss nicht zwanghaft dem Hässlichen das Schöne andichten.

Wenn man jedoch sein halbes Leben lang künstlerisch arbeitet und quasi von Berufs wegen kreativ sein muss, dann legt man das nicht einfach ab - man kann gar nicht anders, als Farbe im Grau zu sehen.

 

Und so bietet mir diese schlichte Kirche Raum für mich und für "meinen Gott", den ich im faszinierenden Reich unserer menschlichen Vorstellungskraft verorte, und über den wir uns seit Jahrtausenden die schillerndsten Geschichten erzählen.

Diese Geschichten sind mir mittlerweile ans Herz gewachsen, aber ich brauche immer wieder Hilfe dabei, sie wirklich zu erschließen.

Also habe ich mich für ein Fernstudium der Theologie eingeschrieben, welches mir zwar keine akademischen Würden, dafür aber jede Menge Erhellendes bringt. Ohne diesen analytischen historisch-kritischen Blick wäre vieles von dem, was in der Kirche passiert, für mich nicht zu ertragen.

Er rückt zurecht, was verdreht wurde und deckt auf, was verschüttet war.

Zwar fegt dieses Wissen nicht die Missstände weg, aber es hilft dabei zu verstehen, wie und warum Kirche so geworden ist, wie sie es heute ist. Und dass vieles auch ganz anders sein könnte.

 

Vor allen Dingen hilft es mir dabei, den historischen Kontext kennen zu lernen, in dem die biblischen Erzählungen entstanden sind:

Wer schrieb sie - wann und warum? Wer hat es gehört oder gelesen? An wen waren die Geschichten gerichtet? 

Und dann passiert es oft fast von allein: Man merkt, wie zeitlos vieles davon ist. Wie aktuell die Nöte und Sorgen der biblischen Menschen auch heute noch sind. Wie erschreckend wenig wir aus der Geschichte lernen. 

Und dass doch immer wieder Hoffnung wächst.

 

"Meine Kirche" ist eine desillusionierte Kirche, aber keine hoffnungslose.

Die einzige, die eine Chance hat, wieder in der Realität Fuß zu fassen.

Manche sind schon angekommen, mit denen gehe ich ein Stück mit.

 

Last but not least: So wenig einladend "meine Kirche" auf den ersten Blick wirken mag:

Sie kann auch anders. Sie kann leuchten und warm sein und klingen.

Aber dafür braucht es uns Menschen.

Musik, Licht, Andacht, Freud und Leid... und all unsere eigenen kleinen Geschichten und Schicksale, die wir in die Bänke tragen, die uns über die Jahre und Jahrhunderte mit jenen verbinden, die vorausgegangen sind.

 

Altarraum St. Nikolaus Kiel, Lichtspiel und Glasfenster
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