Windhauch und rollende Steine

Bald ist Ostern.

In diesem Jahr: Buchstäblich durch-kreuzt von Corona.

Kindheitserinnerung: Waldspaziergang mit der Familie, wir Kinder fanden zwischen Baumwurzeln kleine Schoko-Eier, die unser Vater vorher dort versteckt hatte. Als große Schwester habe ich das irgendwann rausgekriegt, aber ich hatte noch weiter Spaß daran - vielleicht habe ich mich einfach mit meinen kleinen Brüdern mitgefreut, wenn die ihre ersten Osterfunde gemacht haben.

Jugend: Im Konfirmandenunterricht war Ostern natürlich Thema. Aber da ich da ehrlicherweise zu 98% wegen der zu erwartenden Geldgeschenke mitgemacht habe, war ich nie wirklich mit Interesse beim Unterrichtsstoff und habe mir nur gemerkt, was man landläufig eben so weiss über Ostern:

Jesus stirbt, wird ins Grab gebracht, Grab leer, Leichnam weg. Daraus wurde dann die Auferstehungsgeschichte. So weit so unverständlich (und damit auch für mehrere Jahrzehnte irrelevant) für mich.

Heute: Habe ich immerhin eine Ahnung davon, was man zu Jesu Zeiten eventuell gemeint hat mit der Auferstehung (Und wie immer gab es schon damals keine einheitliche Meinung dazu).

Oder was man darunter heute verstehen könnte. 

Ich kann - vielleicht auch weil ich Künstlerin bin - viel mit bildlicher Sprache anfangen.

Das Bild vom großen Stein, der vom Grab weg gerollt worden ist - das erreicht mich.

Dinge kommen ins Rollen.

Möglichkeiten entstehen, wo vorher keine gesehen wurden.

Kräfte werden frei, die vorher verschüttet waren.

Luft und Licht kommt in dunkle Kammern, die zu lange verschlossen waren.

Solche Erfahrungen macht jeder irgendwann im Leben.

Dafür braucht man keine Religion, keinen Jesus, keine Kirche.

Manchen aber helfen vielleicht noch (oder wieder) die alten Bilder und Geschichten, die in Wirklichkeit zeitlos sind.

 

Ostern als Fest kommt erst.

Wir fasten noch, wir verpacken den Jesus im Kirchenraum in lila Tücher und gehen den Kreuzweg.

Wir nehmen Abschied, wir beweinen die Toten, wir basteln Palmstöckchen und bemalen Ostereier.

Tod und Leben: Gleich-gültig nebeneinander. Manchmal nicht zu ertragen.

So wie jetzt gerade, wo wir doch zusammen sein wollen und es nicht dürfen - zum Schutze aller und den Nächsten.

Also: Auf ins Internet! 

Haben sich auch die Kirchen gedacht, und jetzt kriegen sie richtig viel (und auch teilweise berechtigte) Schimpfe zu hören.

Wenn man jahrelang digitale Möglichkeiten verschläft, wachsen gute Angebote eben nicht über Nacht am Baum der Erkenntnis.

Und viel ist nicht gleich gut.

Aber: Man kann eben auch nicht alles digitalisieren. Zum Beispiel Bestattungen. Oder einen beruhigenden Händedruck. Die Kommunion. 

Man kann nur aushalten üben, dass auch hier eben vieles für eine Weile ruhen muss.

Eine Sache, die ich im kirchlichen Rahmen für mich lernen konnte, war und ist genau das:

Aushalten lernen. Warten. Hoffnungsvoll bleiben. Nicht alles sofort umsetzen müssen. Wachsen lassen.

Gelassen werden.

Gehen lassen.

Das fehlt mir in der teilweise recht hektischen Debatte um das "richtig" und "falsch" digitaler Gottesdienste und all den gut gemeinten Versuchen, trotz Kontaktsperre für die Menschen da zu sein.

 

Viele sind jetzt enttäuscht von "ihrer Kirche", deren prominentere Oberhirten dieser Tage kaum etwas von sich hören lassen (Ausnahme, siehe unten*). Und wenn, dann bewegen sich die Äußerungen zwischen Strafe-Gottes-Szenarien und klebrigem Kalenderspruch-Auferstehungsoptimismus. Alles wenig hilfreich.

Aber es ent-täuscht vielleicht auch.

Schafft Klarheit.

Beendet Abhängigkeiten.

Öffnet Möglichkeiten.

Für Eigenes.

Für Neues.

Für Mutiges.

Für Fragen.

 

Was mich froh macht: Angesichts der aktuellen Versammlungsverbote, dem Wegfall der durchorganisierten Wochenstruktur der Kirchen und der Dienstleistungs-Haltung auf beiden Seiten blubbern die spannenden Fragen wieder an die Oberfläche:

 

Wo ist Gott? Glauben wir? Können wir Kreuze tragen helfen? Wie lange schaffen wir das? Wer hilft uns auf? 

Ändert sich nichts? Ist alles nur Windhauch? Ist alles egal? Was brauchst Du? 

Wollen wir ein paar Steine wegrollen gehen?

 

...

 

 

*

Papst Franziskus hat gestern, am 27. März, eine Andacht auf dem Petersplatz gehalten.

Fast ganz allein auf der riesigen Piazza, in strömendem Regen unter seinem "Tankstellendach"

Der alte einsame Kirchenmann, Stellvertreter Christi und stellvertretend isoliert für uns alle.

Und für viele sicher auch ein Symbolbild einer fast toten, sich selbst isolierenden Kirche.

Auch der Platz - wie tot. Und doch angefüllt mit einer fast realen Präsenz tausender Toter.

Voll mit der Präsenz kranker, sich sorgender Menschen überall auf der Welt, für die Franziskus gestern zum Gebet aufgerufen hat.

Für mich (und sicher für viele andere auch) am Bildschirm, gemütlich mit Tee auf dem Sofa, eine bizarre Situation:

Nähe und Ferne. Allein und doch verbunden mit diesem Ding "Weltkirche". Dank Weltraumforschung und Satellitentechnik.

Dazu das mittelalterliche Pestkreuz in brutaler Aktualität.

 

 

 

 

 

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